Artensterben stoppen: Warum wir mehr verändern müssen als unsere Gärten

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Artensterben stoppen: Warum wir mehr verändern müssen als unsere Gärten

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Es sind oft die kleinen Begegnungen, die uns zeigen, wie lebendig ein Garten sein kann: Eine Wildbiene, die zwischen den Blüten unterwegs ist. Ein Schmetterling, der sich auf einer Wildstaude niederlässt. Oder ein Stieglitz, der im Herbst die Samenstände nach Nahrung absucht.

Solche Augenblicke machen Freude. Sie erinnern uns daran, dass ein Garten weit mehr sein kann als eine schön gestaltete Fläche.

Und doch gibt es einen Widerspruch: Während sich immer mehr Menschen für naturnahe Gärten, Blühflächen und den Schutz von Insekten interessieren, geht die biologische Vielfalt weltweit weiter zurück.

Wie kann das sein?

Die Wissenschaftler David Cooper und Sandra Díaz beschäftigen sich in einem aktuellen Beitrag im Fachmagazin Science mit genau dieser Frage. Ihre zentrale Botschaft: Es genügt nicht, Natur zu schützen. Wir müssen auch verändern, was ihren Verlust verursacht.

Dieser Gedanke reicht weit über unsere Gärten hinaus. Aber gerade dort können wir erkennen, wie eng Pflanzen, Tiere und unsere Entscheidungen miteinander verbunden sind.


„Stellen Sie sich vor, ich finde eine wunderschöne Blütenwiese – und gleich daneben wird alles zugepflastert. Da hilft mir die schönste Blüte wenig, wenn immer mehr Lebensräume verschwinden! Zum Glück können wir gemeinsam etwas verändern. Und manchmal fängt das schon mit einer kleinen Ecke im Garten an.“

Rosi Raupe

Solche Gebiete sind unverzichtbar. Sie bewahren wertvolle Lebensräume, schützen gefährdete Arten und geben der Natur Raum, sich zu entwickeln.

Doch Schutzgebiete allein können den Rückgang der biologischen Vielfalt nicht aufhalten.

Cooper und Díaz erinnern daran, dass die Fläche geschützter Gebiete im Rahmen früherer internationaler Naturschutzziele deutlich gewachsen ist. Trotzdem setzte sich der Verlust biologischer Vielfalt fort.

Das bedeutet nicht, dass Schutzgebiete wirkungslos wären. Im Gegenteil: Ohne sie wäre die Situation vieler Arten vermutlich noch schwieriger.

Es zeigt aber, dass Naturschutz nicht an der Grenze eines Schutzgebietes enden darf.

Eine Wildbiene benötigt nicht nur einen geschützten Lebensraum. Sie braucht auch geeignete Blütenpflanzen in erreichbarer Entfernung. Ein Schmetterling benötigt neben Nektarquellen möglicherweise ganz bestimmte Pflanzen für seine Raupen. Und viele Pflanzenarten sind darauf angewiesen, dass geeignete Standorte erhalten bleiben und ihre Ausbreitung möglich ist.

Die Natur braucht nicht nur einzelne geschützte Inseln. Sie braucht auch eine Landschaft, in der Leben möglich bleibt.

Zu den wichtigsten unmittelbaren Einflussfaktoren zählen die Veränderung der Land- und Meeresnutzung, die direkte Nutzung von Lebewesen, Umweltverschmutzung, der Klimawandel und invasive gebietsfremde Arten.

In unserer unmittelbaren Umgebung lässt sich besonders der Einfluss der Landnutzung beobachten.

Wo früher blütenreiche Wiesen standen, finden wir heute möglicherweise versiegelte Flächen oder intensiv genutzte Bereiche. Feldraine und Säume verschwinden. Kleine, wenig genutzte Ecken werden beseitigt. Pflanzenbestände werden einheitlicher.

Damit gehen nicht nur einzelne Pflanzen verloren. Es verschwinden auch Nahrungsquellen, Rückzugsorte und Fortpflanzungsmöglichkeiten für Tiere, die mit diesen Pflanzen und Lebensräumen verbunden sind.

Manchmal geschieht das ganz unauffällig: Eine Wiese wird häufiger gemäht. Ein Wegrand wird vollständig zurückgeschnitten. Ein nährstoffarmer Standort wird gedüngt. Eine feuchte Senke wird trockengelegt.

Jede dieser Veränderungen kann die Lebensbedingungen bestimmter Arten beeinflussen.

Hinzu kommen Belastungen durch Pflanzenschutzmittel, Nährstoffeinträge und die Folgen des Klimawandels. Häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig.

Cooper und Díaz fragen nicht nur, wodurch Arten verschwinden. Sie richten den Blick auf die Entscheidungen und Rahmenbedingungen, die diese Veränderungen überhaupt antreiben.

Warum werden Landschaften immer intensiver genutzt? Warum lohnt es sich wirtschaftlich häufig mehr, eine Fläche vollständig auszuschöpfen, als wertvolle Lebensräume zu erhalten? Und weshalb fließen öffentliche Mittel teilweise weiterhin in Aktivitäten, die der biologischen Vielfalt schaden?

Hinter dem Artenverlust stehen nicht nur einzelne Eingriffe in die Natur.

Auch wirtschaftliche Anreize, politische Entscheidungen, Produktionsweisen und Konsumgewohnheiten spielen eine Rolle.

Die Autoren fordern deshalb, den Schutz der biologischen Vielfalt stärker in wirtschaftliche und politische Entscheidungen einzubeziehen. Dazu gehören unter anderem der Umgang mit umweltschädlichen Subventionen, nachhaltiger Konsum und die Finanzierung des Naturschutzes.

Denn es hilft langfristig wenig, Schäden an einer Stelle zu reparieren, wenn an anderer Stelle immer neue Schäden entstehen.

Wir müssen nicht nur darüber sprechen, wie wir Natur schützen. Wir müssen auch darüber sprechen, wie wir mit ihr umgehen.

Das ist eine große gesellschaftliche Aufgabe. Sie betrifft die Landwirtschaft ebenso wie die Stadtentwicklung, den Verkehr, die Wirtschaft und unseren Umgang mit natürlichen Ressourcen.

Weniger mähen, heimische Wildpflanzen erhalten und verblühte Stängel über den Winter stehen lassen – schon solche Entscheidungen können helfen.

Mein Tipp: Beginnen Sie mit einer kleinen Fläche und beobachten Sie, welche Pflanzen und Tiere sich dort entwickeln. Oft entdeckt man dabei mehr, als man erwartet!

Darin wurden vier langfristige Ziele und 23 Handlungsziele vereinbart.

Besonders bekannt ist das sogenannte 30-mal-30-Ziel. Es sieht vor, bis 2030 mindestens 30 Prozent der Land- und Binnenwasserflächen sowie der Meeres- und Küstengebiete wirksam zu erhalten.

Doch der internationale Rahmen geht deutlich weiter.

Er umfasst auch die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme, die Verringerung von Umweltbelastungen, eine nachhaltigere Nutzung natürlicher Ressourcen und die Veränderung von Anreizen, die zum Verlust biologischer Vielfalt beitragen.

Cooper und Díaz warnen davor, diese umfassenden Ziele auf die Ausweisung zusätzlicher Schutzgebiete zu reduzieren.

Denn entscheidend ist nicht allein, wie viele Flächen auf einer Karte geschützt sind. Entscheidend ist, ob es gelingt, die Ursachen des Artenverlusts so weit zu verändern, dass sich die Natur langfristig erholen kann.

Eine berechtigte Frage.

Ein einzelner Garten kann keine internationalen Vereinbarungen umsetzen, keine wirtschaftlichen Fehlanreize beseitigen und den weltweiten Verlust natürlicher Lebensräume nicht ausgleichen.

Aber er kann ein Stück Lebensraum sein.

Heimische Wildpflanzen sind mehr als schöne Blüten

Wer eine Wildbiene auf einer Blüte beobachtet, sieht zunächst eine einfache Begegnung: Ein Insekt findet Nahrung.

Doch die Beziehungen zwischen Pflanzen und Tieren sind häufig wesentlich vielfältiger.

Manche Insekten können Nektar oder Pollen von zahlreichen Pflanzenarten nutzen. Andere sind stärker spezialisiert.

Einige Wildbienen sammeln Pollen nur an bestimmten Pflanzengruppen. Die Raupen verschiedener Schmetterlingsarten sind auf bestimmte Futterpflanzen angewiesen.

Heimische Wildpflanzen sind über lange Zeiträume Teil dieser Lebensgemeinschaften geworden.

Deshalb ist es nicht gleichgültig, welche Pflanzen wir in unseren Gärten verwenden.

Das bedeutet nicht, dass jede nichtheimische Gartenpflanze grundsätzlich ohne ökologischen Nutzen wäre. Ebenso wenig ist jede heimische Wildpflanze für jedes Insekt gleichermaßen wertvoll.

Entscheidend sind die konkreten Beziehungen zwischen Pflanzen und Tieren.

Mit einer standortgerechten Auswahl heimischer Wildstauden können wir gezielt Nahrungsangebote und Lebensraumstrukturen für bestimmte heimische Arten schaffen.

Ein Naturgarten ist zu jeder Jahreszeit lebendig

Ein Garten muss nicht zu jeder Jahreszeit aufgeräumt wirken. Er muss nicht überall kurz geschnitten sein. Und er muss auch nicht ausschließlich aus Pflanzen bestehen, die möglichst lange und auffällig blühen.

Er darf sich entwickeln.

Im Frühjahr zeigen sich neue Triebe. Im Sommer blühen die Wildstauden. Im Herbst tragen viele Pflanzen Samenstände. Und im Winter bleiben trockene Stängel und Gräser als Strukturen erhalten.

Je nach Pflanzenart und Beschaffenheit können diese Strukturen Insekten Schutz oder Überwinterungsmöglichkeiten bieten. Samenstände können Nahrung für samenfressende Tiere bereitstellen.

Wer im Herbst alles vollständig abschneidet und entfernt, beseitigt damit möglicherweise auch Lebensräume, die über den Winter erhalten bleiben könnten.

Das bedeutet nicht, dass wir unsere Gärten überhaupt nicht mehr pflegen sollten. Es geht vielmehr darum, bewusster zu entscheiden, wann und wo wir eingreifen.

Ein Naturgarten endet nicht mit der letzten Blüte.

Wald-Ziest: Auch der Schatten kann lebendig sein

Nicht jede wertvolle Wildpflanze benötigt einen sonnigen Wiesenstandort.

Der Wald-Ziest (Stachys sylvatica) zeigt, dass auch halbschattige und schattige Gartenbereiche interessante Lebensräume sein können.

Mit seinen purpurroten Lippenblüten passt er besonders gut in naturnahe Pflanzungen an Gehölzrändern und unter lichten Bäumen, sofern der Boden ausreichend frisch bleibt.

Gerade solche Bereiche werden bei der Gartengestaltung häufig unterschätzt.

Dabei können sie das Lebensraumangebot eines Gartens sinnvoll ergänzen.

Ein sonniges Wildstaudenbeet, ein frischer Gehölzrand und eine kleine Fläche mit heimischen Gräsern bieten unterschiedliche Bedingungen.

Nicht jede Art wird jeden dieser Bereiche nutzen. Aber die Vielfalt geeigneter Standorte kann dazu beitragen, dass mehr unterschiedliche Pflanzen- und Tierarten Lebensraum finden.

Fünf Dinge, die wir im eigenen Garten verändern können

  1. Bestehende Lebensräume erhalten

Eine alte, artenreiche Wiese ist nicht ohne Weiteres durch eine neu angelegte Blühfläche zu ersetzen. Wo wertvolle Pflanzenbestände bereits vorhanden sind, sollte ihr Erhalt Vorrang haben.

  1. Heimische Wildpflanzen gezielt auswählen

Nicht allein die Anzahl der Blüten entscheidet. Auch Pflanzenart, Blütezeit, Standortansprüche und die Beziehungen zu heimischen Insekten spielen eine Rolle.

  1. Unterschiedliche Gartenbereiche zulassen

Sonnige Beete, Gehölzränder, magere Flächen und Bereiche mit etwas höherem Bewuchs können unterschiedliche Lebensbedingungen schaffen.

  1. Die Pflege überdenken

Muss wirklich jede Fläche gleichzeitig gemäht werden? Können einige Samenstände bis zum Frühjahr stehen bleiben? Gibt es Bereiche, in denen weniger Eingriffe sinnvoll wären?

  1. Über den Gartenzaun hinausschauen

Auch Straßenbegleitgrün, kommunale Grünflächen, Feldraine und öffentliche Anlagen prägen unsere Umwelt. Wer sich für mehr Artenvielfalt interessiert, kann dieses Anliegen auch dort einbringen.

Kleine Schritte sind wertvoll – aber sie ersetzen keine großen Veränderungen

Es wäre schön, wenn wir das weltweite Artensterben allein dadurch stoppen könnten, dass wir mehr Wildstauden pflanzen.

Doch so einfach ist es nicht.

Der Verlust biologischer Vielfalt ist eine Herausforderung, deren Ursachen weit über unsere Gärten hinausreichen.

Wir brauchen wirksame Schutzgebiete. Wir brauchen eine Landschaft, in der Lebensräume erhalten bleiben. Und wir brauchen politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den Schutz der Natur nicht erschweren, sondern unterstützen.

Trotzdem ist das, was wir im eigenen Garten tun, keineswegs bedeutungslos.

Wir können Lebensräume schaffen, Pflanzen bewusst auswählen und unseren Blick auf die Natur verändern.

Wir können entdecken, dass eine heimische Wildstaude nicht nur wegen ihrer Blüten schön ist, sondern auch wegen der Insekten, die sie besuchen, der Samenstände, die sie trägt, und ihres Platzes in einer größeren Lebensgemeinschaft.

Vielleicht beginnt ein anderer Umgang mit der Natur tatsächlich mit einer ganz einfachen Frage:

Was braucht dieser Ort, damit hier nicht nur Pflanzen wachsen, sondern Leben möglich ist?

Denn Naturschutz ist nicht nur eine Frage geschützter Gebiete. Er ist auch eine Frage, wie wir mit allen anderen Flächen umgehen.

Und damit beginnt er manchmal direkt vor unserer Haustür.

Quellen und Transparenz

Dieser Beitrag greift Gedanken aus einem wissenschaftspolitischen Editorial von David Cooper und Sandra Díaz auf und verbindet sie mit eigenen Überlegungen und praktischen Empfehlungen zum naturnahen Gärtnern.

Wissenschaftliche Quelle:
Cooper, David; Díaz, Sandra (2026): To reverse nature loss, change what drives it. Science, 15. Oktober 2026, S. 251.
DOI: https://doi.org/10.1126/science.aen0122

Die gärtnerischen Beispiele und Empfehlungen sind eigenständige Schlussfolgerungen der Gärtnerei Hüskes und nicht als direkte Empfehlungen der beiden Wissenschaftler zu verstehen.



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